Samstag, 31. Januar 2015

Noche Buena en Sopachuy, Navidad 2014


Wie auch im Programmheft beschrieben startete Weihnachten in Sopachuy schon am 23. Dezember mit dem Fest des Kirusillas. Dieser wird auch umgangssprachlich „Der Whiskey Sopachuys“ genannt und ist eigentlich eine Art Quittenschnaps. Deshalb traf sich das ganze Dorf wie üblich in der Cancha, um dort erst Weihnachten durch einige Tanzvorstellungen und gegen später den besagten Whiskey zu feiern. Auch gab es eine Vorstellung der T-shirts aller Tanzgruppen zu Weihnachten. Jedes Jahr nehmen eine Menge Tanzgruppen teil, die sich ungefähr nach Wohngebieten im Dorf aufteilen und die folgenden drei Tage durch die Straßen Sopachuys tanzten. Der restliche Abend wurde dann dazu genutzt, um in der angesagtesten – und auch einzigen – Disko im Dorf zu feiern.

 Der 24. Gestaltete sich dann im Vergleich zu Deutschland ziemlich anders. Eigentlich war es bis zum Abend ein Tag wie jeder andere  und jeder räumte irgendetwas vor sich hin. Hier in Bolivien wird Heilig Abend nämlich erst mitternachts, um genau 24 Uhr gefeiert. Zuvor aber versammelte sich das ganze Dorf an der Plaza, da sich dort die ganzen Weihnachtsgruppen zum ersten Mal präsentierten. Der Rest, der nicht zuschaute tanzte natürlich mit und darunter waren auch wir vier Voluntarias. Wir gehörten zu der größten Gruppe, den „Autenticos“. Wie früher bei Tanzkursen mussten sich Mädchen und Jungen gegenüber aufstellen, um darauf zu warten aufgefordert zu werden. Als alle Tanzpärchen gefunden wurden ging es auch schon los: die eigene Musikgruppe begann zu spielen und es folgte ein lauter Gesang aller Teilnehmer und eine Ehrenrunde um die Plaza. Der Weihnachtstanz „Chuntunqui“ ist eigentlich nicht besonders kompliziert. Man tanzt immer in Pärchen durch die Reihen der anderen Mitglieder und wenn man den Tanz nicht kennt, macht man einfach nur ein wenig Pferdchen-Hüpfer und fällt dabei nicht arg aus dem Konzept. Es geht nämlich nicht nur um Können, sondern hauptsächlich um Stimmung und Spaß am Tanzen. Und genau den hatten wir! 

Los Autenticos

Nach der großen Präsentation mussten wir allerdings auch schnell wieder nach Hause, da wir pünktlich zu Heilig Abend zurück sein wollten. Und dann war es soweit. Die ganze Familie versammelte sich am Essenstisch und es folgte eine Rede vom Oberhaupt der Familie, Opa Carlos höchstpersönlich. Danach wünschte man sich fröhliche Weihnachten und aß gemeinsam „Picana“ (traditionelle Weihnachtssuppe mit Gemüse, Hähnchen und Fleisch) bis die Kinder es nicht merh aushielten und über die Geschenke herfielen. Sogar wir Voluntarias haben jeweils ein Geschenk von unserer Gastfamilie bekommen. Das war eine richtig liebe Geste und man hat sich wirklich zur Familie zugehörig gefühlt. Die restliche Zeit saßen wir dann noch zusammen und haben gemeinsam den Abend bzw. die Nacht ausklingen lassen.

Der Weihnachtsbaum

Gastbruder Lenin als Weihnachtsmann

Die komplette Familie


Am nächsten Tag, den ersten Weihnachtsfeiertag stand dann wieder Tanzen auf dem Programm. Und zwar insgesamt 7 Stunden durchgehend von 15 bis 22 Uhr. Wir starteten wie üblich an der Plaza und drehten dann eine komplette Runde durch das Dorf, tanzten durch alle Straßen die es so gab und gingen in fast alle Häuser die offen standen. Als Dank darauf wurde man auf den ein oder anderen Becher Chicha oder Kirusilla eingeladen.  Dann folgte eine kurze Pause in der wir uns eben frisch machten, kurz ausruhten und dann den restlichen Abend wieder in der berühmten Karaoke Bar zu feiern. Wie ihr schon merkt, kam man aus dem Feiern gar nicht mehr raus und so ähnlich ging es dann auch die ganzen Tage weiter. 

Allerdings „nur“ bis zum 27. Dezember. Da hatte nämlich Carlos seinen Geburtstag und der musste noch kräftiger gefeiert werden. Schon früh am Morgen fand eine persönliche Messe in der Kirche statt, an der nur die Familie und wir Voluntarias teilnahmen. Danachh folgte ein kurzer Gang auf den Friedhof und gemeinsames Ambrosia trinken und Sopa de Maní (Erdnusssuppe) bei uns zu Hause. Dies war allerdings nur eine kurze Pause, da bis zum Abend noch für 50 Personen Essen vorbereitet werden musste. Die Männer widmeten sich weiter dem Alkohol wohingegen die Frauen Papa Rellena, Picante de Pollo, Chunos, Nudelsalat und allerlei andere Köstlichkeiten zauberten. Pünktlich zum Abendessen waren alle Gäste versammelt, das Essen fertig und das Buffet konnte eröffnet werden. Für uns Voluntarias ging es allerdings nur noch bis halb vier Uhr nachts, da wir dann die Flota in unsere große Reise erwischen mussten. Mehr dazu folgt ganz bald…

Kurztrip Chile



HOLA
man glaubt es kaum, aber ja..ich lebe tatsächlich noch :)
Seit dem letzten Blog Eintrag ist schon wieder unglaublich viel Zeit vergangen und dementsprechend hole ich hiermit nun einiges nach. Beginnen wir doch mal ganz von vorne…

Da auch ich seit Mitte Dezember endlich Urlaub hatte und somit alle mit Arbeiten fertig waren, hatten wir uns dazu entschlossen, für eine Woche nach Chile zu fahren, um unsere freie Zeit sinnvoll zu nutzen.

Doch kurz bevor es los ging bekamen wir noch einen Spontanbesuch vom Präsidenten Evo Morales in Sopachuy. Wie es sich für einen Politiker so gehört kam er mit Helikopter in unserem Dorf an, wurde durch eine Parade des Militärs begrüßt und darauf folgten viele und vor allem lange Reden des Bürgermeisters,  Ministers und eben auch von Evo selbst. Bis dahin war es eine übliche förmliche Veranstaltung wie man sie in Deutschland auch kennt. Doch auf diese folgte wie es in Bolivien so üblich ist eine Überraschung: ein Fußballspiel bei dem sogar der Präsident höchstpersönlich teilnahm. Dabei ging es nicht nur um Spaß, sondern auch um eine neue Cancha für Sopachuy. Allerdings verlor unser Team und somit gab es  auch leider keine neue Sporthalle für das Dorf. So schnell und unerwartet wie Evo ankam, so schnell verschwand er dann auch wieder. Alles in allem war es zwar eine sehr kurze Veranstaltung, aber eben auch ziemlich toll den Präsidenten mal live und in Natura zu sehen.

El Presidente - Evo Morales

Militärparade

Und dann ging es wie schon angekündigt am 15. Dezember nach Chile. Einen ganzen Tag Bus fahren inklusive 6h Warten an der Grenze später (man lernt hier die EU echt zu schätzen) kamen wir dann auch endlich in Iquique an und es folgte zu aller erst ein leichter Kulturshock. Uns war klar, dass Chile weiter entwickelt und moderner ist als Bolivien, aber trotzdem waren wir erst mal perplex. Iquique ist eigentlich eine relativ kleine Stadt, die nach endloser Strecke durch die Wüste plötzlich auftaucht und direkt an der Küste zum Pazifik liegt. Doch schon die kleinsten Kleinigkeiten wie geteerte Straßen ohne Löcher, Autos die so aussehen als würden sie den TÜV bestehen, Hochhäuser, Menschen die Englisch sprechen können und Supermärkte mit internationalen Produkten waren total ungewohnt und man fühlte sich anfangs etwas überfordert - Ich bin echt mal gespannt wie das dann in 6 Monaten wird, wenn ich wieder nach Deutschland zurückkehre.
Trotz allem hinderte uns das nicht daran am nächsten Tag erst mal in den Supermarkt zu gehen, um Dinge wie Käse, Schinken, dunkleres Brot und Joghurt einzukaufen, da wir das seit Ewigkeiten schon nicht mehr gegessen hatten. Somit hatte sich der Urlaub rein vom Kulinarischen schon absolut gelohnt!
Aber auch landschaftlich hat Iquique unglaublich viel zu bieten. Es liegt inmitten einer Wüstenzone, ist dementsprechend warm und riesige Sanddünen umranden praktisch die Stadt und trotzdem fällt man fast ins Wasser wenn man aus dem Hostel herausgeht. Das machte unseren Urlaub ziemlich abwechslungsreich, da wir uns einerseits am Strand entspannen konnten, aber andererseits auch sehr viel sehen konnten sobald wir per Fuß unterwegs waren. Es gibt einen wunderschönen Hafen (mit Hamburg-Süd Frachtern), eine tolle Altstadt und sehr viele nette Menschen.

Ausblick vom Hostel

Der endlose Strand

vergebliche Versuche in Weihnachtsstimmung zu kommen

Der Hafen

Wüstenzone direkt am Pazifik


Zu mehr reichten die fünf Tage dann allerdings auch leider gar nicht, da wir zu Weihnachten wieder in Sopachuy sein wollten.

Sonntag, 7. Dezember 2014

Fiesta de la Virgen de Remedios


Wie schon angekündigt und auch versprochen kommt hiermit nun ein alleiniger Blog-Eintrag zu der riesigen Fiesta unseres Dorfes. Und mit riesig meine ich volle 8 Tage, an denen durchgängig irgendetwas los gewesen ist und man eigentlich ständig unterwegs war.
Angefangen hat das ganze ganz gemütlich am 20. November, einem Donnerstagabend mit einer Musikgruppe auf der Plaza. Am nächsten Tag wurde zu Ehren der Jungfrau „Remedios“ und zugleich Schutzpatronin Sopachuys eine Messe gehalten, in welcher um ihren Schutz für ganz Sopachuy und den dort lebenden Familien gebeten wurde. Anschließend folgte einer Prozession durch das ganze Dorf, um die Virgen zu präsentieren und zu ehren. Diese endete an einer Kirche an der Plaza, an der sich das ganze Dorf versammelt hatte, um ein gemeinsames Gebet zu sprechen. Gegen Mittag folgte dann ein gemeinsames Essen in der Cancha, bei welchem wie immer viel getanzt, gesungen und auch getrunken wurde.

la Virgen de Remedios

Die Tafel in der Cancha (nur Getränke)

bolivianische Musikgruppe


Am selben Tag ist dann auch noch unser ganzer Besuch aus Sucre und Alcalá angekommen und dieser wurde durch einen gemeinsamen Abend in der Karaokebar beendet. Wir wollten allerdings nicht allzu spät ins Bett, da für Marie, Miri und mich am Samstag ein großes Ereignis bevorstand : la gran Entrada folklórica bei der wir mittanzten. Die vorige Woche hatten wir uns immer wieder mit den Leuten aus dem Krankenhaus verabredet, um gemeinsam  Morenada zu üben. Und aus einer geplanten Woche wurden dann schlussendlich doch nur 3 Abende. Deshalb und auch weil das Kostüm seeeeehr kurz und leider auch seeeeehr pink war konnten wir nicht wirklich einschätzen wie sich wohl der weitere Tag entwickeln würde. Kurz bevor es los ging schwankten wir immer zwischen Gefühlen  wie „ach das wird sicherlich witzig und es ist eine einmalige Erfahrung“ und „oh mein Gott das wird 2h Hall of Shame“. Da wir eh nicht mehr abspringen konnten und auch nicht wollten haben wir uns dann dazu Entschlossen erstere Einstellung anzunehmen. Mit dieser konnten wir die anfänglichen - etwas anzüglichen Kommentare auf unser Auftreten – gekonnt ignorieren und mit viel Spaß an der Entrada teilnehmen. Einmal angefangen mit tanzen wollte man auch nicht mehr so schnell aufhören. Die eigene Musikgruppe, die ganzen gut gelaunten Menschen an den Straßenrändern und das super Wetter machten dieses Ereignis einfach einmalig! Zwei Stunden und ein paar kaputte Füße später standen wir zwar etwas erledigt aber total glücklich auf der Plaza, wo die richtige Party dann erst begann und auch erst gegen 4 Uhr nachts ihr Ende nahm. Es war zwar ein sehr anstrengender aber dafür ein unglaublich spannender und total schöner Tag!

Bailando Morenada

Die Kostüme der Frauen
Ein kleiner Teil der Kollegen aus dem Krankenhaus


Der Sonntag wurde dann vor allem dazu genutzt sich von den letzten zwei Tagen durchfeiern zu erholen und mal wieder etwas Ruhe zu haben, denn am Montag ging es wieder mit Arbeiten los. Das hielt uns allerdings nicht davon ab, uns mit ein paar Freunden zu treffen und einen gemütlichen Abend zu verbringen. Aus dem eigentlich geplanten gemütlichen Abend wurde dann allerdings nichts, da man auf der Plaza den ganzen Chicha Einladungen nicht wirklich aus dem Weg gehen kann.
Am Dienstag schafften wir es dann tatsächlich auch mal zu den täglichen Stierkämpfen zu gehen. Dabei ist das Ziel allerdings nicht wie in Spanien den Stier zu töten, sondern lediglich das um den Hals gebundene Tuch zu erwischen. Trotzdem war die Sache nicht ganz ungefährlich, da ab und zu Stiere durch die nicht ganz so stabilen Holzzäune durchbrachen. Auch ob das Ganze nun weniger Tierquälerei ist, muss jeder für sich entscheiden.

La Corrida de Toros


Am Abend haben wir dann noch zufällig ein paar Kollegen von mir getroffen, die Marie und mich natürlich nicht nach Hause gingen lassen, sondern gleich mal mitgenommen haben. Und in Deutschland kann man sicherlich nicht sagen, dass man mit seinem Chef, zwei Oberärzten und ein paar Medizinstudenten bis in die Nacht trinkt, feiert und einfach einen lustigen Abend hat.
Die Tage danach liefen dann alle ähnlich ab. Abends war immer etwas an der Plaza los und mittags standen wieder Stierkämpfe an.  Am 28. November, den letzten Tag der Fiesta war dann nochmal eine große Abschlussfiesta angesagt.
Insgesamt waren es sehr anstrengende aber auch ereignisreiche und spannende acht Tage, da sehr viele Menschen, auch außerhalb Sopachuys da waren und somit im Dorf immer etwas los war.

Und nun ist es auch schon wieder Anfang Dezember - es sind Schulferien, das Dorf ist dementsprechend leer, da die meisten zu ihren Familien aufs Campo oder in die Städte gehen und ich muss nur noch kommende Woche arbeiten, dann hab auch ich endlich mal frei.
Die freie Zeit wird vor allem mit viel Reisen gefüllt. Am 15. Dezember geht’s für eine Woche nach Iquique, Chile und dann nochmal für ein paar wenige Tage zurück nach Sopachuy, um gemeinsam mit der Familie Weihnachten und Opa Carlos´ Geburtstag zu feiern.
Am 28. Dezember startet dann endlich unsere große Bolivien und Peru Reise, die Ende Januar mit dem Zwischenseminar in Sucre beendet wird.
Da ich in nächster Zeit sehr viel unterwegs sein werde, weiß ich nicht genau wann ich mich das nächste Mal melden werde. Deshalb auch schon einmal die Kurzinfo vorweg, was ich in der nächsten Zeit alles so machen und wo ich mich so rumtreiben werde.
Macht´s Gut und bis dahin!! :)

Sonntag, 16. November 2014

kleines Dorf, große Fiestas


Mein letzter Blog-Eintrag ist zwar noch nicht allzu lange her, doch in den wenigen Wochen ist schon wieder einiges passiert, über das ich gerne berichten möchte.

Am 30. Oktober wurde der 433 „Aniversario de Sopachuy“ gefeiert. Am Abend zuvor fand ein Desfile, also ein Art Umzug mit Fackeln und Laternen statt. Dafür hat sich das komplette Dorf versammelt und ist dann gemeinsam durch die Straßen Sopachuys gelaufen, natürlich jeweils in die einzelnen „Einrichtungen“ unterteilt. Die Alcaldía (das Rathaus) hat die ganze Gruppe angeführt, gefolgt sind das komplette Krankenhauspersonal inklusive mir, die ganzen Schulen und zu Schluss der Kindergarten. Das Ziel war die Plaza, bei der sich das Desfile aufgelöst und die Fiesta angefangen hat.
Am nächsten Morgen fand das Gleiche bloß im black and white Dresscode statt. Zuvor aber durfte man sich noch ca. 2h Reden von allen wichtigen Leuten aus Sopachuy und des Gobierno de Chuquisaca anhören. Danach folgten wieder mehrere Runden durch das Dorf mit anschließendem Fotoshooting. Beendet wurde dieser Tag durch eine Parade des bolivianischen Militärs.
 
Das Desfile am Mittwochabend

Marschieren vor dem Gobierno de Chuquisaca und dem Bürgermeister

Mit ein paar Arbeitskollegen 


Das Wochenende über den 31.10 - 02.11.14 war Todos Santos. Todos Santos ist auf keinen Fall mit Allerheiligen in Deutschland zu vergleichen, sondern eher mit dem „Día de los Muertos“ aus México. Denn dieser Tag ist kein Tag der Trauer, sondern eher ein Tag der Freude und vor allem des Feierns. Die Menschen feiern, dass die Toten unter ihnen sind und ihre Geister mit uns auf der Erde weiterleben. Deshalb wurde am Freitag großzügig ein Tisch mit allerlei Essen, Gebäck und Getränken angerichtet. Jedoch war dieser nicht für uns bestimmt, sondern für die Geister der Verstorbenen Angehörigen.
Allerlei Köstlichkeiten für die Verstorbenen

Am Samstag wurde gegen Abend eine Messe auf dem Friedhof gehalten, bei der mindestens 3 Stunden lediglich Namen von Verstorbenen vorgelesen wurden. Zuvor wurden alle Gräber schön hergerichtet und mit Kerzen und allerlei persönlichen Dingen geschmückt. Denn während der Messe konnte man zu den Gräbern gehen, um für die Verstorbenen zu beten- jeweils 3 Rosenkränze und 1 Vater-Unser. Als Dankeschön, dass man für die Seele des Verstorbenen gebetet hat, haben die Angehörigen einem ein kleines Geschenk gegeben, meist typisches Todos Santos Gebäck. Besonders hat mich die Geschichte eines kleinen Mädchens berührt. Sie kam auf dem Friedhof auf mich zu und meinte ich solle ihr folgen, um zu ihrem Bruder zu gehen. Dieser ist kurz nach seiner Geburt gestorben, da er ein Herzfehler hatte und sich die Familie eine Operation von 1.000 US Dollar nicht leisten konnte. Also setzte ich mich zusammen mit ihr um das Grab und wusste nicht so ganz wie ich mich verhalten sollte. Aus Deutschland bin ich gewohnt, dass es sobald um den Tod eines Angehörigen geht trübe Stimmung und Trauer herrscht. Hier aber saßen alle fröhlich um das Grab herum und unterhielten sich fleißig. Auch wenn es sehr ungewohnt war, war es auf jeden Fall eine schönere Art und Weise mit dem Tod umzugehen. Der Abend wurde dann wie fast immer mit viel Chicha beendet.

Die geschmückten Gräber


Am Sonntag sind wir dann extra früh aufgestanden, um eine weitere Tradition an Todos Santos kennen zu lernen. Der Tag begann zuerst mit einer Messe - dieses Mal auch in einer Kirche und nicht auf dem Friedhof – bei der erneut alle Namen der Verstorbenen vorgelesen wurden und mit einem Gottesdienst beendet wurde. Danach standen einem alle Türen von Familien offen, bei denen seit vergangenem Todos Santos Angehörige gestorben sind. Zuerst war es komisch einfach in fremde Häuser hinein zu gehen, aber mit der Zeit gewöhnte man sich daran, da die Menschen es eher als Geschenk betrachteten, wenn man zu ihnen kam und für den Verstorbenen gebetet hat. Denn je mehr Menschen für diesen beten, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass er seinen Frieden im Jenseits findet. So zumindest die Erklärung unseres Gastvaters.
Im Laufe des Tages stellte sich diese Tradition jedoch eher als eine große Sauftour heraus. Denn als Dank folgten wie am Vortag nun nicht mehr nur Gebäck, sondern auch große Mengen an Alkohol. Im ersten Haus freuten wir uns noch über eine Suppe, eine komplette, warme Hauptspeise, ein Glas Chicha und Leche de Tigre. Von 9-16.00 Uhr unterwegs und 7 Häuser später könnt ihr euch ja vorstellen wie wir uns gefühlt haben…ich habe aber definitiv noch nie an einem Tag so viel auf einmal gegessen und getrunken. Der einzige Vorteil war, dass der Kater schon am gleichen Abend einsetzte und somit am nächsten Tag schon wieder vorüber war. Montag war zum Glück Feiertag und das war auch mehr als nötig, um sich von dem Wochenende zu erholen.


Die restliche Woche ging dann wieder schnell rum, da wir Donnerstagabend nach Monteagudo aufgebrochen sind, um einen Geburtstag einer Mitfreiwilligen zu feiern. Doch schon allein die Fahrt dorthin stellte sich als kleine Herausforderung heraus, da wir nicht mehr allzu viel Geld übrig hatten und die Verbindungen nicht ganz eindeutig waren. Über einen Arbeitskollegen habe ich erfahren, dass es angeblich ein Flota von Tomina (das nächst größere Nachbardorf Sopachuys) nach Monteagudo so „um ca. halb 9 glaube ich“ geben soll. Da man nach 3 Monaten Aufenthalt in Bolivien definitiv gelernt hat, dass man sich nicht immer 100%ig auf solche Aussagen verlassen kann sind wir also auf gut Glück nach Tomina gefahren. Dort kam die Flota zwar erst 1 ½ h später, aber sie kam und somit sind wir immerhin auch in Monteagudo angekommen. Da die WG dort zwar eine eigene Wohnung besitzt, aber nicht allzu viel Platz hat, haben wir uns schon im Vorhinein dazu bereit erklärt auf dem Küchenboden zu schlafen. Dementsprechend war die Nacht etwas kurz, aber somit hatten wir immerhin viel Zeit um die Stadt zu erkunden. Und mit Stadt meine ich auch Stadt, da Monteagudo ungefähr wie Sucre bloß in etwas kleiner ist. Deshalb ging der Tag auch schnell rum und abends haben wir dann gemeinsam Maddy´s 19. Geburtstag gefeiert.
Am nächsten Tag waren wir die ganze Zeit auf dem „Día de la Tradición“. Es gab wie immer viel Essen, Trinken und Tanz und es glich ein wenig einem Rummelplatz. Da Monteagudo ziemlich weit weg von uns liegt mussten wir uns allerdings schon am Samstagabend wieder auf den Rückweg machen.
Und jaa…dieser Rückweg war eine ganz eigene Sache für sich…
Wir waren dann also mal wieder in unserem geliebten Tomina – dieses Mal um 12 Uhr nachts- und sind deshalb mit wenig Hoffnung auf eine Mitfahrgelegenheit die Hauptstraße auf und ab gelaufen. Allerdings haben wir außer mehr oder weniger brauchbaren Tipps von Betrunkenen nicht wirklich mehr in Erfahrung bringen können. Deshalb haben wir uns dazu entschlossen zum nächst größeren Dorf Tarabuquillo zu laufen, da wir nicht schon wieder so ewig Zeit in diesem Dorf verbringen wollten und die nächste Flota nach Hause erst um 13 Uhr kam. Zum Glück hat uns dann aber das herannahende Gewitter von dieser Schnapsidee abgehalten, denn wie wir später herausgefunden haben sind es ca. 20 km von Tomina nach Tarabuquillo. Das wäre definitiv eine lange Nachtwanderung geworden!
Mittlerweile halb 2 Uhr nachts haben wir uns dann aufgemacht ein Alojamiento zu suchen. Etwas vergebens, da wir nur noch 30 Bolivianos für drei Personen hatten und der Besitzer unsere Idee, dass wir nur im Foyer bleiben und kein Zimmer wollen, auch nicht die Beste fand. Also irrten wir weiter herum und wussten nicht genau was wir machen sollten. Zumal ein Haufen betrunkener Männer an der Plaza eine Fiesta feierten und uns drei Mädels das nicht ganz so geheuer war. Als sie anfingen uns nicht nur hinterher zu pfeifen, sondern auch hinterher zu laufen waren wir ganz schnell einig, irgendeinen Unterschlupf zu suchen. Das nächst Beste was wir gefunden haben war ein noch nicht fertig gebautes und leerstehendes Haus – zumindest glaubten wir das! Also warteten wir ab bis die Männer weg waren und legten uns dann ziemlich erschöpft auf den Boden. Und nein es hat nicht nur gereicht, dass es übertrieben kalt war, wir wurden auch noch von Moskitos zerstochen. Trotzdem glaubten wir uns nun ein bisschen sicherer und konnten sogar die Augen etwas zumachen.
Allerdings nicht lange, da kurze Zeit später ein Mann, Oberkörperfrei und in Flip-Flops in dem „Zimmer“ stand und uns mit seiner Taschenlampe anleuchtete. Wie kleine Kinder verdeckten wir unsere Gesichter gemäß dem Motto „wenn wir ihn nicht sehen, kann er uns auch nicht sehen“ :D Als er dann tatsächlich ohne etwas zu sagen wieder verschwand packten wir  alles zusammen und sind in Richtung Tarabuquillo losgelaufen.
Mittlerweile war es immerhin gegen 5 Uhr morgens und nicht mehr ganz so dunkel wie anfangs. Kurze Zeit später konnten wir sogar ein Auto anhalten (auf dem Rücksitz lag ein Gewehr), das uns immerhin etwas in die richtige Richtung mitnehmen konnte. Von diesem Punkt an hätten wir noch 15km nach Tarabuquillo zurücklegen müssen. Total fertig von den letzten, nicht ganz so komfortablen Nächten trotteten wir also den Weg entlang. Nachdem wir einige Autos angehalten haben, die gefühlt überallhin bloß nicht nach Sopachuy gefahren sind machten wir deprimiert Pause an einem Straßenrand. Das war das erste Mal, dass ich Bolivien für seine unendlichen Landschaften ohne jegliche Zivilisation verachtet habe. Zum Glück nicht allzu lange, da dann endlich ein Auto kam, das sogar bis nach Sopachuy durchgefahren ist und wir pünktlich zum Frühstück zu Hause waren. Wir waren so erledigt, dass wir den kompletten Tag durchgeschlafen haben und erst am nächsten Morgen wieder aufgestanden sind.
Im Nachhinein war es echt ein sehr lustiges Erlebnis, hätte allerdings auch anders ausgehen können!
 
Der wohl luxuriöseste Schlafplatz

Und das wars dann auch schon wieder von mir. Ich werde mich aber bald wieder melden, da nächste Woche die große Fiesta der Virgen Sopachuys ist und ich voraussichtlich mittanzen werde, das wird ein Spaß bei meinen Tanzkünsten :D